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Drucksensorik in Rotorblatt-Unterlegscheiben und seltene Erden vom Amazonas

Vielleicht war es dann doch keine Verstimmung zwischen Bundeskanzler Friedrich Merz und Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, die den gemeinsamen traditionellen Eröffnungsrundgang des deutschen mit dem Regierungschef des Partnerlandes am Eröffnungstag hatte platzen lassen. Am Sonntag waren noch Gespräche zwischen den beiden in Hannover über die Bedeutung auch der Partnerschaft zu Beginn des zwischen Europäischer Union (EU) und Südamerika vereinbarten Freihandelsabkommens Mercosur vorausgegangen. Am Messeeröffnungs-Montag beim gemeinsamen Bühnenauftritt der Eröffnungszeremonie zeigte sich Lula da Silva aber genervt von offenbar irritierenden Anweisungen, welches von zwei weit auf der Bühne distanzierten Rednerpulten er betreten dürfe. Nach anschließenden Ansprachen beider war das Staatsoberhaupt plötzlich verschwunden. Offenbar besuchte er unmittelbar nach dem Bühnenauftritt vor allem den großen Messestand des diesjährigen Partnerlandes der Industrieschau Hannovermesse, das eine Führungsrolle beim Ausbau erneuerbarer Energien auf dem südamerikanischen Kontinent beansprucht. Kanzler Merz zog deshalb auf einer getrennten eigenen Tour durch die Hallen. Die nachgelieferte Erklärung für den Fauxpas lautet aber: Weil Brasiliens Delegation erst mit einer halben Stunde Verspätung zu der Eröffnungsveranstaltung eingetroffen war, war der Zeitplan danach sehr eng – in gegenseitiger Absprache hätten beide Seiten daher danach die jeweils für sich wichtigsten Stationen besucht.

Eröffnung mit Bundeskanzler Friedrich Merz und Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula Da Silva

Deutsche Messe

Eröffnung mit Bundeskanzler Friedrich Merz und Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula Da Silva

Für Missstimmung bei Lula mag dennoch der Abend zuvor gesorgt haben. In einer Ansprache von Friedrich Merz am Abend zuvor war bereits viel von deutschen Industrie-, Forschungs- und Entwicklungsleistungen die Rede gewesen. Merz hatte auch von der Wichtigkeit des Freihandels mit Ländern wie unter mehreren anderen Brasilien gesprochen. Sie erfolgten auf der wichtigen Basis der „grundlegenden politischen Ordnung, in der wir auf Verträge, auf Verabredungen vertrauen können, in der wir gemeinsam globale Probleme zu lösen imstande sind“. Dabei hatte Merz auf deutsche Exporte nach Brasilien im Wert von 13 Milliarden Euro und brasilianische Exporte nach Deutschland zu 9 Milliarden verwiesen. Während Merz dabei den für eine gleiche Partnerschaft wohl kritischen starken Exportüberschuss offenbar nicht als Problem verstand, verwies er in dieser Situation auch auf die sowohl fürs Militär als auch die Erneuerbare-Energien-Technologien wichtigen seltenen Erden, auf das für Photovoltaik wichtige Niob, und auf Metalle für Windkraftanlagen.

Tilman Weber

Am Messemontag hatte Präsident Lula da Silva darauf womöglich Bezug nehmend gekontert: „Brasilien ist ein Land, das sich in eine reiche Volkswirtschaft wandeln möchte.“, sagte Lula womöglich als Verweis darauf, nicht nur Rohstofflieferant, sondern auch Verarbeiter von Rohstoffen für Komponenten oder veredelte Energieträger zum Export nach Europa zu sein. „Wir sind es Leid, dass wir als armes oder kleines Land behandelt werden. Wir haben Technologie, wir haben kluge Köpfe“, sagte Lula. So plant Brasilien in Absprache mit der EU große Wasserstoffproduktionsanlagen in Brasilien, die mit in Brasilien erzeugtem Strom aus riesigen Wind- und Solarparks den flexiblen, emissionsfreien Energieträger grünen Wasserstoff für Europa herstellen.

Die Messe selbst hatte mit ihrem Motto „Think Tech Forward“ in allererster Linie auf Automatisierung und Digitalisierung gesetzt. Verbunden war diese gemäß den vielen eigenen Plakaten und den Aufschriften der Messestände von teilnehmenden Industrieunternehmen mit dem Versprechen einer scheinbar alles dominierenden künstlichen Intelligenz (KI). In den dennoch auch vorhandenen Themenbereichen Energieinfrastruktur und Speichertechnologien sowie Energieautomation kam dann immerhin je nach Messestand und Präsentationen mal ganz direkt oder mal indirekt die konkrete innovative Technologie der Energiewende zur Geltung.

Die von den Standbetreibern auf allgemeinen oder eigenen Bühnen präsentierten Vorträgen waren entsprechend vielfältig: zum Beispiel der Amazonas-Bioökonomiepark, der eine kohlenstoffarme und damit das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) vermeidende Wirtschaft vorführt, oder allerlei Techniken für grünen Wasserstoff (H2), die Einbindung von H2 für eine CO2-freie Stahlproduktion, eine krisensichere Energieversorgung mit Batteriespeicher zum Einlagern überschüssigen günstigen Grünstroms, dasselbe zudem besonders effizient in der Industrie mittels KI-Steuerung, die Nutzung grünen Stroms für Prozesswärme in Industrieproduktionen oder die grüne Energie als Standortfaktor.

Tilman Weber

An einem erstmals zusammengesetzten Gemeinschaftsstand für Sensortechnik zeigten Start-Ups und etablierte Unternehmen, wie sich die Condition-Monitoring-Systeme (CMS) zur Zustandsüberwachung von Windkraft- und Solaranlagen immer weiter verfeinern. Und wie diese die Grünstromerzeugung effizienter sein lassen. Dazu gehören etablierte Unternehmen wie Baumer aus der Schweiz mit Drehgebern zur genauen Ausrichtung von Windenergieanlagen in den Wind genauso wie das Startup Duotec, das Berechnungen für die Messtechnologie eines Magnetfeld erzeugenden und aufspürenden Sensors vornimmt – und so leichte Änderungen in Komponentenstrukturen oder auch im Generator sofort erfassen lässt. Etablierte Elektronik- und Messtechnik-Unternehmen wie Rittal, Phoenix, Weidmüller, Beckhoff oder auch IFM zeigten CMS- genauso wie Steuerungstechnik. Ebenso innovativ ist wohl das Messtechnik-Unternehmen Altosens, das mit Sensoren in den Standard-Rotorblatt-Unterlegscheiben die Lastfähigkeit der Windradflügel verlässlich garantieren lässt: Wenn es keine Ausschläge durch nachgebende Verschraubungen anzeigt, lässt sich auch in starkem Wind die Rotordrehzahl beibehalten – oder andernfalls eine Reparatur rechtzeitig planen.

Tilman Weber

Anbieter wie das Ingenieurbüro Böker oder Windfire präsentierten dagegen, wie sie Windkraft veredeln wollen: Die einen wollen speziell für die Eigenversorgung von Industrieunternehmen Windturbinen errichten, die anderen Windturbinen nicht Strom, sondern über eine Bremsvorrichtung direkt Wärme von mehr als 100 Grad erzeugen lassen und in Fernwärmenetze speisen. Eine Anlage von drei Megawatt soll hier der erste Prototyp werden, geplant ist dessen Inbetriebnahme für 2028.

Spannend auch das Großprojekt der CO2-Freiheit des Flughafenbetriebs in München. Hier ist das schleswig-holsteinisch-bayerische Unternehmen GP Joule im Einsatz. Durch ein ganzheitliches Konzept, aufwändige Simulationen und zugekaufte Prognosen zur Preisentwicklung von Strom und Gas entwarfen die Experten für den Airport, wie dessen Geschäfte und Betrieb, abgesehen von den Emissionen der Flieger selbst, ab 2035 gemäß den politischen Vorgaben klimaneutral und zugleich dennoch wirtschaftlich erfolgen kann. Entstanden ist ein spannendes Konzept mit vielerlei selbst einzusetzender Erneuerbaren-Technik und Energielieferverträgen.