Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Unter 30 Prozent Füllstand melden die deutschen Gasspeicher Anfang Februar 2026. Das ist der niedrigste Wert, der jemals an diesem Stichtag gemessen wurde. Binnen eines einzigen Monats sind die Reserven um 25 Prozentpunkte eingebrochen – von 56 Prozent am Neujahrstag auf den aktuellen Tiefstand. Der Gasverbrauch liegt rund 7,4 Prozent über dem langjährigen Durchschnitt. Und der Winter ist noch lange nicht vorbei.
Doch wer erwartet, dass im Wirtschaftsministerium die Alarmglocken schrillen, wird enttäuscht. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche gibt sich betont gelassen. Die Versorgung sei sicher, die LNG-Terminals nicht ausgelastet, alles unter Kontrolle. Die Bundesnetzagentur stuft die Gefahr einer angespannten Versorgungslage als „gering“ ein.
Eine gefährliche Wette auf mildes Wetter
Diese Gelassenheit wirkt angesichts der Faktenlage wie Pfeifen im Walde. Michael Kellner, energiepolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, bringt es auf den Punkt: „Ministerin Reiche hat ihre Wetter-Wette verloren.“ Die Speicher waren bereits vor Beginn der Heizperiode geringer befüllt als in den Vorjahren. Nun rächt sich diese Nachlässigkeit.
Kellner prognostiziert, dass die Füllstände bei anhaltend kalter Witterung in wenigen Tagen unter 20 Prozent fallen werden. Das ist nicht nur eine abstrakte Zahl in einer Statistik. Es bedeutet konkret: Die Wiederbefüllung der Speicher im kommenden Sommer wird zur echten Herausforderung. Gasversorger müssen rechtzeitig und zu akzeptablen Preisen Kapazitäten sichern – bei einem Weltmarkt, der ohnehin angespannt ist und bei Preisen, die bereits jetzt deutlich über dem Vorkrisenniveau liegen.
Die wahren Kosten trägt der Verbraucher
Was die Bundesregierung als technisches Detail abtut, hat handfeste Konsequenzen für Millionen Haushalte und Unternehmen. Steigende Gaspreise treiben die Heizkosten in die Höhe. Für Familien, die ohnehin unter der Inflation leiden, wird die nächste Nebenkostenabrechnung zum Schock.
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„Statt diese realen Sorgen wegzulächeln, sollte Ministerin Reiche dringend alles tun, um Vertrauen in ihre Speicherpolitik herzustellen“, fordert Kellner. Doch genau das Gegenteil geschieht: Die Regierung liefert die Versorgungslage der Marktspekulation aus und hofft auf besseres Wetter.
Der eigentliche Skandal: Rückschritte bei der Energiewende
Noch schwerer wiegt der strategische Fehler, den die stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende Julia Verlinden anprangert. Ausgerechnet jetzt, wo die Verwundbarkeit durch fossile Abhängigkeiten offensichtlich wird, stellt die Bundesregierung zentrale Instrumente der Energiewende infrage. Das Gebäudeenergiegesetz mit seiner 65-Prozent-Vorgabe für erneuerbare Energien wird hinterfragt.
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„Die Regierung handelt widersprüchlich, wenn sie mehr Energiesicherheit will, aber politische Instrumente angreift, die fossile Abhängigkeiten reduzieren“, kritisiert Verlinden. Dabei zeigen die Erfolge der vergangenen Jahre, dass der eingeschlagene Weg richtig war: Die Gasimporte sind auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung gesunken. Wärmepumpen, Solaranlagen und Elektroautos haben Deutschland unabhängiger gemacht.
Neue Abhängigkeiten statt echter Unabhängigkeit
Statt diesen Kurs fortzusetzen, schafft die Regierung neue Verwundbarkeiten. Die milliardenschweren Zusagen für LNG-Importe aus den USA binden Deutschland an einen Partner, dessen Zuverlässigkeit unter Präsident Trump mehr als fraglich ist. Verlinden fordert den Bundeskanzler auf, sich in Brüssel für die Rücknahme dieser Zusagen einzusetzen.
Der Kern des Problems ist simpel: Jede Kilowattstunde, die aus erneuerbaren Quellen stammt, macht uns unabhängiger von Putin, Trump und den Launen des Weltmarkts. Jede verschleppte Gebäudesanierung, jede verhinderte Wärmepumpe zementiert dagegen die fossile Abhängigkeit – und damit das Erpressungspotenzial autoritärer Regime.
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Was jetzt passieren muss
Die Bundesregierung steht vor einer klaren Wahl. Sie kann weiter beschwichtigen und darauf hoffen, dass der Winter mild endet. Oder sie kann handeln: Die Regeln für die Speicherbefüllung überprüfen, das Engagement für Energiesparen erhöhen und vor allem die Energiewende beschleunigen statt sie auszubremsen.