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Italiens Strategiedebatte in Rimini über sinnvolle Grünstromziele

Akteurinnen und Akteure der italienischen Energiewende haben sich auf der Energiewendekonferenz Key in Rimini die Karten neu gelegt. Mit neuen Daten und Argumenten griffen sie auf den von Mittwoch bis Freitag andauernden Podien die zentralen Fragen für die Grünstrombranche auf: Was folgt aus den europa- wie weltweit sich ändernden Perspektiven auf die Energieversorgung für den Ausbau von Speichern, Erneuerbare-Energien- und Sektorenkopplungsanlagen im Land? Welches Tempo wird die Energiepolitik bei Windkraft, Solar, Batterien, Netzen und Co. auf dem Stiefel und ringsum zur See landesweit einschlagen können?

Der Geschäftsführer des strategischen Beratungsdienstes Althesys, Alessandro Marangoni, gab schon an Tag eins die neuen Herausforderungen vor. Marangoni verwies auf ein Ursachenquartett, das Althesys in einer für die Messegesellschaft IEG erarbeiteten Marktstudie bestimmt: Weltpolitisch zwischen den Staaten zugespitzte Spannungen kosten die Stabilität der Wirtschaft und bedrohen Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Importabhängigkeit von Rohstoffeinfuhren machen das Land wie weite Teile Europas anfällig für politische Änderungen in Lieferländern. Der Infrastrukturausbau für die Energieversorgung drängt. Und enorme Preisschwankungen schwächen das System.

Wie darauf zu reagieren ist, kann ein Marktanalyst indes nicht stellvertretend für Branche und Politik schon vorab aushandeln. So heißt es in der Studie komplex: „In einem Kontext, in dem der Europäische Green Deal hinter den Zielen zurückbleibt, definieren Instrumente wie CBAM, NZIA und die Handelspolitik der USA die Regeln für den Marktzugang neu und wirken sich auf Kosten, Lieferketten und Investitionen im Energiesektor in einem Umfeld zunehmenden internationalen Wettbewerbs aus.“ Oder einfacher: Während die Europäische Union (EU) ihre eigenen Ziele im „Green Deal“-Programm für Klimaschutz und Wirtschaftsförderung nicht erreicht, entscheiden über die Energiewende dafür andere Faktoren wie die auch gegen Unternehmen aus Europa gerichtete US-Handelspolitik, das EU-Gesetz NZIA zur Stärkung europaweiter Wertschöpfung und die CBAM genannten Klimaschutzauflagen für grenzüberschreitende Komponenten- und Anlagenimporte.

„Das Szenario hat sich verändert“, sagte auch der Geschäftsführer der IEG, Corrado Arturo Peraboni: Sicherheit, Autonomie und Unabhängigkeit seien Diskussionsthemen auch der Key – sie könnten nun Treiber der Energiewende im Land werden. Die Leiterin der Sparte für Elektrische Systeme und Märkte bei der Internationalen Energieagentur IEA, Maria Sicilia Salvadores, verwies zudem auf die technische Herausforderung durch fortschreitende Elektrifizierung des Energieverbrauchs. Die dient zwar der künftigen Wirtschaftlichkeit der Grünstromanlagen, dürfte aber Salvadores zufolge ohnehin unausweichlich sein und neue Anforderungen an die gesamte Politik stellen: Der Eintritt sind Zeitalter der Elektrizität mache die Neuorganisation wirtschaftlicher Felder wie der Transportindustrie notwendig. Die Digitalisierung mit Rechen- und Datenzentren setze Handlungsbedarf. Und der hohe Strompreis auf doppeltem Niveau wie der für Haushalte in den USA sei ein Hindernis für die Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaften und ihrer Unternehmen.

Die Althesys-Daten belegen die Herausforderungen für Italien: Hatte der Stromverbrauch seit 2008 lange Jahr nicht mehr zugenommen, wird er entsprechend dem Nationalen Energie- und Klimaplan zur Erfüllung der EU-Klimaziele und Prognosen des Netzkonzerns Terna bis 2030 von zuletzt 310 Terawattstunden (TWh) im Jahr um 13 Prozent auf bis zu knapp 350 TWh ansteigen und bis 2040 um weitere knapp 18 Prozent auf etwas mehr als 400 TWh.

Vor allem die Datenzentren werden nun den Verbrauch nach oben treiben, wie Anschlussanträge für schon 69 Gigawatt (GW) Stromverbrauchslast belegen. Diese konzentrieren sich auf die Nordregionen Emilia-Romagna und Lombardei sowie etwas schwächer und räumlich geringer ausgreifend auf Apulien im Süden und auf die Hauptstadt Rom. Das dürfte nicht nur für die Stromnetze, sondern auch für regionale Grünstromerzeugungskapazitäten den Zubau- oder Umrüstungsbedarf stark erhöhen. Althesys geht für 2035 bereits von mindestens 7,4 bis 13 Prozent Anteil der Rechenzentren an dem dann deutlich höheren nationalen Elektrizitätsbedarf aus, was einem Stromhunger von vielleicht sogar 42 TWh gleichkäme. 2024 waren es noch 1,9 Prozent beziehungsweise 5,8 TWh.

Allerdings kommt der Ausbau von Wind- und Solarparks diesem Bedarf nicht einmal annähernd nach. So müsste die Photovoltaik (PV) noch Rückstände eines zu geringen Zubaus bis 2021 mit damals nur 2,5 GW neu ans Netz gebrachter Solarleistung aufholen, um bei künftig schnelleren Genehmigungsdauern und kürzeren Projektierungszeiten zumindest das bisherige Ausbauziel für 2030 noch zu erreichen. Althesys sieht einen Bedarf an jährlich 5,4 bis 7,2 GW neuer PV-Kapazität, was Italien 2024 und 2025 auch erledigte. Bei Windkraft müssten dagegen von nun an jährlich 1,6 bis 2,9 GW dazukommen – ein Mehrfaches der seit 2021 durch die Turbinenerrichtungen stabil neu in Betrieb gegangenen Erzeugungskapazitäten von nun schon dreimal 0,6 bis 0,7 GW im Jahr. Allerdings werde die italienische Umsetzungsregelung vom Januar zur Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU, Red III, die Ziele noch erhöhen, sagte Althesys-Chef Marangoni.

Wie allerdings Rom mit den Herausforderungen umgehen will, muss ich noch herausstellen. So wird die jährlich durch wetterabhängige Wind- und Solarparks zunehmende Übererzeugung gemäß einem langsamen Szenario zum Nationalen Energie- und Klimaplan (in Italien PNIEC genannt) zu einer überschüssigen Stromerzeugung in Höhe von 2,2 Prozent des nationalen Strombedarfs führen. Das erfordert dann Speicher, die 10 Prozent des Photovoltaikstroms wegspeichern können. Die sich im selben langsamen PNIEC-Szenario entwickelnde Wasserstoffproduktion würde derweil dann schon ebenfalls 6 Prozent der Stromerzeugung in den Überschuss- Erzeugungsphasen abschöpfen können.

Wie die Politik in Rom sich verhält, bleibt noch abzuwarten: So hatte sie im vergangenen Jahr noch angedeutet, die verspäteten Ausschreibungen von Offshore-Windparks im Mittelmeer nun zu starten, nachdem das Gesetz Fer-2 schon Mitte 2025 fertig vorlag. Doch noch verschiebt die Regierung die Ausschreibungen, wie in der Branche verlautet, weil bisher zu wenige Projekte genehmigt sind und in den Ausschreibungen kein Wettbewerb entstünde. Das Gesetz Fer-X für Wind- und Solarkraft im Land hatte im vergangenen Jahr durch eine Übergangslösung eine Ausschreibungsrunde veranstalten lassen. Für die Solarenergie kamen mit Zuschlägen für 7,7 GW fast die maximal gesetzlich erlaubten 8 GW zusammen. Für Windparks an Land erhielten aber nur mehr als 900 Megawatt (MW) den Zuschlag, obwohl 2,5 GW zulässig waren. Beim Windenergieverband Anev verweisen Marktbeobachtende auf einen vom Staat vorgegebene mäßig hohe Gebotsbereich. Für die Unternehmen hätten sich womöglich nur höhere Vergütungsniveaus als lukrativ erwiesen. Dafür erlaubt ein frisches Gesetz Fer-Z künftig Ausschreibungen für Vergütungsverträge, die eine Förderung nicht an eine Anlage, sondern an Energieliefermengen richtet und den Markt weiter flexibilisiert.

Ein Unsicherheitsfaktor für den weiteren Ausbau ist allerdings die geplante Atomkraft. Die Regierung will kleine modulare Reaktoren bauen – und arbeitet an einem Gesetzentwurf für „nachhaltige Atomkraft“, den das Parlament im Sommer verabschieden könnte. Würde die nukleare Stromerzeugung in dem Land wie anvisiert 2040 über eine Erzeugungskapazität von zwei und 2050 schon acht Gigawatt zurückgreifen können, könnte dies auch die installierte Erneuerbare-Energien-Nennleistung um 30 GW geringer ausfallen lassen, lautet die Althesys-Rechnung.

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