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Keine Offshore-Ausschreibung 2026? WAB-Chef: „Wir haben Bauchschmerzen damit“

Die Bundesregierung will nicht nur wie Ende 2025 von der Seenutzungsbehörde BSH eingeleitet 2026 geplante Ausschreibungen mit 3,5 Gigawatt erst 2027 veranstalten, sondern laut neuem Kabinettsbeschluss wohl auch den gescheiterten Augusttender mit 2,5 GW dann erst nachholen. Das Wirtschaftsministerium nennt als Mitgrund die Verspätung eines Umspannwerkes aus Spanien. Überrascht Sie die Begründung?

Markus Nölke: Das hat uns irritiert. Entgegen dieser Begründung ist der Hauptgrund aus Sicht der Regierung doch wohl eher, dass auch 2026 wie im vergangenen August wieder kein Investor bieten wird, …

… so lange die Bundesregierung nicht das Windenergie-auf-See-Gesetz und dessen Ausschreibungsregeln geändert hat …

Markus Nölke: Ja. Wir haben Bauchschmerzen damit. Denn zu der durch uns als Branche immer von der Politik eingeforderten Verlässlichkeit und Planbarkeit des Offshore-Windkraftmarktes gehört auch, dass die Ausschreibungen wie angekündigt stattfinden. Richtig ist zugegeben zugleich, dass eine zweite gescheiterte Ausschreibung kein gutes Signal setzen würde. Daher macht ein Verschieben des zuletzt im Juni geplanten Wiederholungstenders schon Sinn – wenn wir danach schnellstmöglich wieder in einen Ausschreibungsfaden gelangen. Nur bleibt für uns unklar, warum die nächste Ausschreibung nicht, wie wir empfehlen, noch im Herbst regulär stattfinden kann. Denn alle Vorschläge für verbesserte Ausschreibungsdesigns liegen auf dem Tisch. Da muss Dampf auf dem Kessel sein. Uns überrascht die Euphorie anderer Branchenverbände über das Verschieben aller Ausschreibungen auf 2027. Ich möchte meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass nach so umfangreichem Verschieben ab 2027 wieder regulär ausgeschrieben wird. Zumal entlang der Wertschöpfungskette sich somit alles zeitlich nach hinten verschiebt.

WAB-Geschäftsführer Markus Nölke

WAB

WAB-Geschäftsführer Markus Nölke

Ist eine verspätete Umspannplattform wie schon bei Windpark Borkum Riffgrund 3, dessen Inbetriebnahme sich von 2025 auf 2026 verschob, kein Argument?

Markus Nölke: Wichtiger ist zuerst, dass das Windenergie-auf-See-Gesetz angepasst wird, das WindSeeG. Die von der Europäischen Union verlangten CFDs als Differenzverträge zum Ausgleich von Übergewinnen und Untererlösen müssen eingearbeitet werden. Wir als Netzwerk für die Wertschöpfungskette der Zulieferer und Dienstleister haben eine andere Priorität als die fürs Komplettverschieben auf 2027 eintretenden Windparkinvestoren: Keine Fadenrisse in den Werken mehr wie vor fünf Jahren.

Lassen denn Bundesregierung und BSH noch einmal mit sich reden?

Markus Nölke: Das BSH wird umsetzen, was die Bundesregierung will. Die wiederum erscheint sehr zögerlich, den Offshore-Windkraftausbau wie geplant voranzubringen. Unser Bauchgefühl ist hier, dass sie andere Prioritäten hat wie den Bau neuer Gaskraftwerke.

Braucht nicht das BSH mehr Zeit? Es entwirft gerade den Netzentwicklungsplan und plant Überbauungen von mehr Erzeugungskapazität an der Umspannstation, als diese elektrisch an Land leiten kann, geringere Leistungsdichten, zeitlich gestreckte Ausschreibungen. Das soll Windschatten reduzieren, das Netz kosteneffizienter nutzen.

Markus Nölke: Es muss ja an diesen Stellschrauben gedreht werden. Aber das ist alles schon länger bekannt. Die große Baustelle sind dagegen zweiseitige CFDs, und auch dass PPAs weiterhin möglich sind – Stromlieferverträge wie jüngst RWE mit Amazon. Und wir müssen weg von Kapazitätsausbauzielen hin zu Ertragszielen. Denn Offshore-Windkraftanlagen müssen wieder die auf See möglichen hohen Volllaststunden von jährlich 4000 Stunden Minimum erreichen statt wie zuletzt nur 2.500. So ist auch die im Januar auf dem North Sea Summit beschlossene Kooperation der Anrainerstaaten sinnvoll, dass deutsche Offshore-Anlagen nicht nur ins deutsche Netz, britische ins britische und dänische ins dänische Netz einspeisen. Mehr internationale Vernetzung macht hier Sinn. Nichtsdestotrotz sind all diese Dinge nicht über Nacht vom Himmel gefallen. Die Branche hat sie teilweise schon länger gefordert. Auch wenn wir Planungsabläufe in einer Behörde wie BSH nicht genau einschätzen können, zählt vor allem auch, ob die Bundesregierung es nun mit Elan und Begeisterung angeht. Die Realität ist doch gerade die: Auf der einen Seite will sie mehr Gaskraftwerke – und Erneuerbare ein bisschen zurückfahren. Auf der anderen Seite müssen sie die Klimaziele erfüllen, wie das Bundesverwaltungsgericht der Bundesregierung jetzt bestätigt hat, und dafür mehr tun. Und ich glaube, da ist jetzt so ein bisschen Frust, dass sie auf der einen Seite nicht so können, wie sie wollen, und ihnen andererseits die Alternativen irgendwo fehlen.

Wie müsste denn die Schnellreform 2026 aussehen?

Markus Nölke: Die zweiseitigen CFDs sind die wichtigste Stellschraube dafür, dass es wieder Gebote gibt. Ob es dafür im Netzentwicklungsplan schon gesenkte Parkleistungsdichten braucht, können wir schlecht beantworten. Die große Gefahr ist jetzt, dass die CFD-Anpassung zu gering ausfällt, um die Bieter zurückzuholen. Und dann verzögert sich das wieder. Diese Erfahrung haben wir zuletzt mit Dänemark und Großbritannien gemacht. Den Fehler einer zu kleinen Ausschreibungsreform könnten wir hierzulande überspringen. Ob das jetzt Frau Reiche so umsetzt? Fingers crossed.

Wie sähe denn der Gesetzgebungsfahrplan aus, damit die Reformen rechtzeitig wirken?

Markus Nölke: Also erstmal wird ja auch der Bundestag überhaupt diese Verschiebung erst noch verabschieden. Der weitere Fahrplan für die Reformen der Gesetze müsste es so takten, dass im Herbst wieder ausgeschrieben wird.

Gesetzentwürfe könnte das Kabinett aber doch schon vorlegen, bevor der Bundestag den Fahrplan ändert, damit er vor der Sommerpause noch abstimmen kann?

Markus Nölke: UK und Dänemark haben es gezeigt, dass sie es wollen, haben Ausschreibungsregeln geändert und umgesetzt und sind jetzt wieder erfolgreich in der Spur. Das ist wohl alles auch bei uns machbar.

Vieles weist darauf hin, dass ein Ausbremsen gewollt ist. Da wird langsamer als vorher dran gearbeitet – und schon die Diskussion, ob sie Ausschreibungen verschieben oder nicht, ob das Gesetz jetzt kommt oder noch nicht, ist ein gewolltes Signal. Die Investoren sagen nun, dass sie sich anderweitig umschauen, eine Reaktion, die sie in Berlin voraussehen. Nochmals: Wir haben das Gefühl, dass das so gewollt ist.

Das Industrienetzwerk WAB in Bremerhaven für in Deutschland tätige Offshore-Windkraft- und Wasserstoffunternehmen veranstaltet in Kooperation mit 23 nationalen und internationalen europäischen Verbänden, Wirtschaftsnetzwerken, staatlichen oder kommunalen Stellen sowie öffentlichen Förderorganisationen und Hochschulen die jährliche Offshore-Windenergie-Konferenz Windforce. Sie findet in diesem Jahr am 18. und 19. März in Bremerhaven statt. Die Tagung eröffnet dieses Mal mit einer Podiumsdiskussion zu „Ausbau Offshore-Wind zwischen politischen Wünschen und wirtschaftlicher Realität“. Mehr Informationen zum Programm finden Sie hier.   

Markus Nölke ist seit März 2024 Geschäftsführer der WAB. Der gelernte Verkehrsbetriebswirt war davor knapp 14 Jahre lang Geschäftsführer des in privat-öffentlicher Partnerschaft geführten Gesellschaft zur Förderung der Kurzseeverkehrs SPC Shortseashipping Inland Waterway Promotion Center in Hamburg und Bonn.