Jost Backhaus, seit Oktober in der Geschäftsführung der Juwi GmbH, sieht die Energiewende durch politische Unsicherheiten ausgebremst. Im Interview erklärt er, welche Weichen die Politik jetzt stellen muss.
Unternehmen der Erneuerbaren-Branche kritisieren aktuell die energiepolitischen Rahmenbedingungen. Warum?
Jost Backhaus: Weil derzeit mehrere politische Reformen parallel diskutiert werden, die erheblichen Einfluss auf den Ausbau der erneuerbaren Energien haben. Dazu gehören die EEG-Reform, das sogenannte Netzpaket sowie die Reform der Netzentgelte im Rahmen des Agnes-Prozesses der Bundesnetzagentur. Grundsätzlich ist es richtig, dass sich die Politik mit diesen Themen befasst. Allerdings sind viele dieser Maßnahmen bislang nicht ausreichend aufeinander abgestimmt. Für Investoren und Projektentwickler entsteht dadurch Unsicherheit – und diese ist Gift für Investitionen.
Der aktuelle EEG-Entwurf setzt richtige Signale. Er sorgt für Kontinuität im Förderrahmen und bestätigt den geplanten Ausbaupfad für Windenergie und Freiflächen-Photovoltaik. Das unterstützen wir ausdrücklich. Für echte Planungssicherheit reicht das allerdings noch nicht aus. Es gibt noch eine Reihe offener Fragen, etwa zu den Anforderungen in den Resilienz-Ausschreibungen im Rahmen des Net Zero Industry Act, zur konkreten Ausgestaltung möglicher Differenzvertragsmodelle oder zum Zusammenspiel von EEG, Netzpaket und Netzentgeltreform. Diese Regelungsinhalte müssen konsistent aufeinander abgestimmt werden. Das Ziel muss eine beschleunigte, aber gleichzeitig planbare Energiewende sein – ohne Doppelstrukturen und Reibungsverluste.
Was ist der Branche besonders wichtig?
Jost Backhaus: Planungssicherheit. Energieprojekte haben sehr lange Laufzeiten. Windparks oder große Solarparks werden über Zeiträume von 20 bis 30 Jahren finanziert. Investoren müssen daher sehr genau wissen, unter welchen regulatorischen Bedingungen ein Projekt betrieben wird. Wenn während der Projektentwicklung plötzlich neue Einschränkungen oder Unsicherheiten entstehen, kann das Investitionen schnell stoppen.
Die Finanzierungskosten spielen eine enorme Rolle. Sobald Risiken steigen oder nicht mehr kalkulierbar sind, verteuert sich die Finanzierung eines Projekts. Das wirkt sich unmittelbar auf den Strompreis aus. Deshalb ist es so wichtig, dass regulatorische Änderungen planbar sind und nicht kurzfristig neue Unsicherheiten schaffen.
Warum ist das Netzpaket von Bundeswirtschaftsministerin Reiche problematisch?
Jost Backhaus: Zunächst einmal muss man festhalten: Die Energiewende steht und fällt mit leistungsfähigen Netzen. Ohne Netzausbau wird der Ausbau der erneuerbaren Energien nicht funktionieren. Deshalb ist es richtig, dass die Politik hier stärker hinschaut. Problematisch sind allerdings Maßnahmen, die den Ausbau der Erneuerbaren indirekt ausbremsen könnten. Dazu gehört zum Beispiel der im Netzpaket diskutierte Redispatch-Vorbehalt. Wenn Projekte unter Vorbehalte gestellt werden und Investoren nicht mehr sicher sein können, wie häufig Anlagen abgeregelt werden, wird die Planung extrem schwierig. Ein Investor kann kein Projekt finanzieren, wenn er nicht weiß, ob seine Anlage regelmäßig vom Netz genommen wird. Deshalb lehnt die Branche diesen Ansatz entschieden ab. Die Dynamik, die wir beim Ausbau der erneuerbaren Energien erreicht haben, darf nicht ausgebremst werden.
Was müsste die Politik stattdessen tun?
Jost Backhaus: Vor allem den Netzausbau deutlich beschleunigen. Was in den vergangenen Jahren bei Wind- und Solarprojekten gelungen ist – nämlich Genehmigungsprozesse zu vereinfachen und Bürokratie abzubauen – brauchen wir jetzt auch beim Netzausbau. Dazu gehören schnellere Genehmigungsverfahren, weniger regulatorische Hürden und mehr Tempo bei Infrastrukturprojekten. Außerdem müssen wir die Strukturen im Netzbereich modernisieren. In Deutschland gibt es mehr als 800 Netzbetreiber – und damit auch rund 800 unterschiedliche Prozesse für Netzanschlüsse. Das macht Projekte unnötig kompliziert und teuer. Wir brauchen deshalb dringend einheitliche Standards, digitale Netzanschlussverfahren und transparente Informationsportale. Wenn Projektentwickler überall nach den gleichen Regeln arbeiten könnten, würde das viele Prozesse erheblich beschleunigen.
Auch im Agnes-Prozess zur Netzentgeltreform gibt es Diskussionsbedarf. Die Finanzierung der Netze ist ein wichtiger Bestandteil für die Sicherung des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Aber Kostenverschiebungen zulasten der erneuerbaren Energien senken die Energiekosten insgesamt um keinen Cent. Im Gegenteil: Wenn neue Netzentgelte zusätzliche Risiken für Projekte schaffen, verteuern sich Finanzierungen – und der Ausbau erneuerbarer Erzeugungskapazitäten gerät ins Stocken.
Die Bundesnetzagentur hat im Rahmen des Prozesses viele Ideen in den Raum gestellt. Das ist grundsätzlich legitim. Entscheidend ist jedoch, dass diese Vorschläge nicht zu allgemeiner Marktverunsicherung führen. Projektierer brauchen Planungssicherheit. Neue Netzentgelte dürfen keine unkalkulierbaren Risiken schaffen.
Was spricht für einen energiepolitischen Fokus auf Erneuerbare statt auf fossile Importe?
Jost Backhaus: Zum einen die Wirtschaftlichkeit. Erneuerbare Energien sind heute die günstigste Form der Stromerzeugung. Selbst wenn man Netzkosten berücksichtigt, bleiben sie in vielen Fällen günstiger als fossile Alternativen. Zum anderen geht es um energiepolitische Unabhängigkeit. Deutschland importiert einen großen Teil seiner fossilen Energieträger. Jede zusätzliche Kilowattstunde Wind- oder Solarstrom reduziert diese Abhängigkeit. Gerade in geopolitisch unsicheren Zeiten ist das ein enormer Vorteil.
Und schließlich geht es auch um industrielle Wertschöpfung. Die Regenerativwirtschaft beschäftigt in Deutschland viele hochqualifizierte Fachkräfte – von der Forschung über die Anlagenproduktion bis hin zur Projektentwicklung und zum Anlagenbetrieb. Diese industrielle Basis sollten wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.
Was wäre aus Ihrer Sicht das wichtigste Signal der Politik an die Branche?
Jost Backhaus: Kontinuität. Der Ausbaupfad der erneuerbaren Energien muss verlässlich bleiben. Deutschland hat in diesem Bereich technologisch eine führende Rolle gespielt. Wir haben das EEG entwickelt und viele Innovationen hervorgebracht.
Es wäre ein großer Fehler, wenn wir diese Stärke jetzt aus Unsicherheit oder durch widersprüchliche Regulierung gefährden würden. Wenn wir stattdessen für klare, stabile Rahmenbedingungen sorgen, können erneuerbare Energien nicht nur unser Energiesystem stabilisieren, sondern auch wirtschaftliche Chancen und Arbeitsplätze sichern.