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Netzausbau

Chefsache: Netzausbau braucht beschleunigte Planung und Optimierung

Auf der Tagung Zukünftige Netze ging es in Berlin immer wieder um die Frage, wie der Netzausbau endlich an Fahrt gewinnen kann.

Nicole Weinhold

Der Staatssekretär aus dem Wirtschaftsministerium, Thomas Bareiß, ließ sich entschuldigen. Und so stand Gerlind Heckmann als seine Vertreterin aus dem BMWi vor dem erwartungensvollen Publikum zur Eröffnung der Tagung Zukünftige Netze von Conexio in Berlin. Die Gesetzgebung habe den ersten Schritt gemacht, Netzausbaubeschleunigungsgesetz sei in der Abstimmung, so Heckmann. Der Ausbau sei auch für Europa wichtig. "Energiewende ist klar ein europäisches Projekt, Deutschland hat einen Transitstatus." Entsprechend werde man mit regulatorischen Schritten an die Öffentlichkeit gehen. Richtig stellt sie fest: "Wir haben den schwierigeren Teil noch vor uns, 65 Prozent Erneuerbare sollen bis 2030 neu ans Netz gehen -soweit die Netze diese Leistung aufnehmen können." Diese Formulierung sehen viele aus der Regenerativbranche als Hintertürchen, um den weiteren Ausbau der Erneuerbare auszubremsen - nach dem Motto: Sorry, wir können die Erneuerbaren nicht weiter ausbauen, weil wir keine Netze haben.

Altmaiers Chefsache

Bis 2021 würden acht GW Wind an Land und Solar ausgeschrieben, die Netzkapazitäten dafür müssten noch geschaffen werden, sagte Heckmann. Aber sie erinnerte auch daran: Bundeswirtschaftsminister Altmaier habe die Netze zur Chefsache gemacht. Entsprechend werden er am 8. Februar seine Netzausbaureise in Hessen fortsetzen und dort für den Netzausbau werben.

"Neben Akzeptanz brauchen wir beschleunigte Planungsverfahren und eine Optimierung des bestehenden Netzes", so Heckmann. "Wir haben den Aktionsplan Stromnetze 2018 vorgestellt, darin geht es erstens darum, mit neuer Technik bestehende Netze zu optimieren. Zweitens geht es darum, den Ausbau zu beschleunigen, außerdem um digitale Netzführung." Auf die Verteilernetze komme viel zu, dabei sei Deutschland ein Land, das besonders auf die Sicherheit achtet.

Aber Chancen böten neue Leiterseile, Leistungsflüsse intelligent steuern durch Phasenschieber und regelbare Transformatoren. Außerdem die Forschung. Die zweite Säule des Aktionsplans sieht schlankere Planungsverfahren vor, etwa durch Controlling. Entsprechend müsse man etwa auf eine Bundesfachplanung verzichten und mehr auf Leerrohre für ein vorausschauendes Bauen setzen.

76 Dollar pro Watt Solar

Rik De Doncker von der RWTH Aachen widmete sich dann in seinem Impulsvortrag der Werbung für Gleichstromleitungen. Diese sollten Wechselstromleitungen ersetzen, um den Herausforderungen der Energiewende effizient zu begegnen. Wichtiges Ergebnis seiner Forschungen sei, dass Leistungselektronik die Schlüsselkomponente für Digitalisierung und Elektrifizierung ist. "Die Menschheit hat noch nie so viel Leistungselektronik installiert wie heute", so De Doncker. Heute zahle man 20 Euro pro Kilovolt Amper (kVA), früher waren es 500 Euro. Gleiches gelte für Solar. Zur Zeit der ersten Ölkrise, 1977, lagen die Kosten pro Watt bei 76 Dollar, jetzt bei 0,113 Dollar. Bei der Windkraft würden Stahl, Beton und Kupfer immer teurer, und weil die EU es geschafft habe, CO2-Zertifikate zu reduzieren, würden Transformatoren immer teurer. Wechselrichter-Preise würden dagegen sinken. Ein Wechselrichter Drive tech koste 3,3 Dollar pro kVA, 1995 seien es 50 Dollar gewesen. Revolutionär sei auch die Leistungselektronik, die immer effizienter werde. Audi demonstriere neue Materialien, die mit 20 Kilowatt pro Kilogramm immer effizienter werden und dadurch Materialersparnis bieten.

Gleichspannung statt Wechselspannung

"Wir brauchen günstige Speichersysteme und flexible Verteilnetze, das geht nur mit Gleichspannung kostengünstig. Davon bin ich überzeugt", so De Doncker. Erneuerbare sollten dezentral aufgestellt werden. Wärmespeicher und regionale Wärmenetze seien zu begrüßen, statt großer zentraler Kraftwerke, besser kleine Kraftwerke, "wenn wir eine Dunkelflaute haben." Auch Wärmepumpen kämen massiv vorwärts. Durch Power-to-X brauche man kein Gas mehr aus Russland. Und dann noch einmal seine These: "Cloud und Digitalisierung machen nur mit Gleichspannung Sinn. Wenn wir DC-DC Umrichter haben, haben wir fast keine Verluste und weniger Material. Das ist ein Zehntel weniger Volumen bei Gleichspannung statt Wechselspannung." Offshore habe man sowieso schon Gleichstrom. "Seit 130 Jahren gibt es DC, die größten Netze sind von der Bahn in Belgien, Spanien, Italien, Russland: 3.000 Volt DC, darum hat Tesla da seine Ladestationen dort angeschlossen. Ich sehe immer mehr Gleichspannungstechnik in Zukunft."

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