Befürworter hoffen auf eine schier unendliche Energiequelle ohne CO₂-Emissionen, Kritiker halten sie für eine kaum umsetzbare technische Herausforderung: An der Kernfusion scheiden sich die Geister. Die Bundesregierung zählt zu den Hoffnungsvollen. Im Koalitionsvertrag heißt es: „Der erste Fusionsreaktor der Welt soll in Deutschland stehen.“
Ein erster Schritt in diese Richtung ist jetzt erfolgt. Proxima Fusion, ein Start-up aus München, hat gemeinsam mit dem Freistaat Bayern, dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) und RWE eine Absichtserklärung (Memorandum of Understanding, MoU) unterzeichnet. Die Partner erklären darin ihre Absicht, gemeinsam zunächst den Fusionsdemonstrator „Alpha“ und dann das erste kommerzielle Magnetfusionskraftwerk zu errichten.
Zwei Milliarden Euro soll der Demonstrator kosten
Die Dimensionen sind gewaltig, die Finanzierung noch unsicher: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder bezifferte die Investition nur für den Demonstrator, also eine kleine Version des späteren Reaktors, auf zwei Milliarden Euro. Dabei sollen rund 20 Prozent über private, internationale Investoren finanziert werden. RWE habe zudem die Bereitschaft zu einer finanziellen Beteiligung „signalisiert“, heißt es in einer Presseinformation von Proxima Fusion. Vorbehaltlich einer Förderung durch den Bund will Bayern 400 Millionen Euro kofinanzieren. Eine Zusage gibt es hier offenbar nicht, denn alle vier Partner wollen ihre Anstrengungen bündeln, „um maximale Erfolgsaussichten bei der Einwerbung von Bundesmitteln im Rahmen der Hightech-Agenda Deutschland zu erzielen“, wie es in der PI heißt.
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Ebenso offen ist, ob es gelingt, die Technologie in großem Maßstab mehr Energie erzeugen zu lassen, als zuvor benötigt wurde. Denn bei der Kernfusion, die die Vorgänge auf der Sonne nachahmt, werden zwei Atomkerne verschmolzen. Das geschieht in einem Plasma, dessen Erzeugung einen hohen Einsatz von Energie erfordert. Bislang gelang eine solche Reaktion nur unter Laborbedingungen und für kurze Zeit. Das soll nun anders werden: „Der Demonstrator soll erstmals eine positive Energiebilanz des Plasmas erreichen“, heißt es von den Projektpartnern.
Gleichzeitig werden bei der Reaktion so große Mengen Wärme frei, dass die Anlagen darunter leiden – Kühlung ist also ebenfalls ein noch zu lösendes Problem. Trotzdem ist Proxima Fusuion zuversichtlich, bis Anfang der 2030er Jahre den Demonstrator zu bauen.
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Standorte: Garching und Grundremmingen
Bereits fest stehen die Standorte für Demonstrator und Fusionskraftwerk: „Alpha“ wird in Garching entstehen, unter der Regie des IPP. Der Demokstrator soll es ermöglichen, Schlüsseltechnologien unter realistischen Bedingungen zu testen, um so technologische wie wirtschaftliche Risiken systematisch zu reduzieren. Für das Kraftwerk ist der Standort Grundremmingen vorgesehen, wo RWE derzeit das stillgelegte Atomkraftwerk zurückbaut.
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Kritiker der Kernfusion warnen nicht nur vor überzogenen Erwartungen an die Technologie, sondern monieren vor allem, dass die kommerzielle Nutzung erst so spät erfolgen könnte, dass sie zumindest für das Erreichen der 2025er Klimaziele zu spät kommt: Selbst die optimistischen Start-ups rechnen frühestens in den 2030er Jahren mit kommerziellen Fusionskraftwerken. Proxima Fusion möchte „vor 2040“ das erste Fusiomnskraftwerk bauen, so ein Sprecher. Andere Experten gehen eher von 2050 aus – zu einem Zeitpunkt also, an dem Deutschland und Europa längst klimaneutral sein wollen.