Der Verbrauch grünen Stroms nimmt weltweit zu und wird nach dem Irankrieg sich weiter verstärken, während aktuell stark steigende Öl- und Gaspreise eine ernsthafte Belastung internationaler Volkswirtschaften verursachen. Batterien oder andere Elektrizitätsspeicher werden einen großen Teil dieser Verschiebung in der weltweiten Nutzung der Elektrizität mittragen, was aktuelle Trends bereits anzeigen. Und stromhungrige Superstromverbraucher sicherten sich bereits jetzt erstmals die Hälfte der Kaufverträge für lang- oder mittelfristige Stromlieferungen. Zu diesem Schluss kommt das internationale Marktanalysehaus Bloomberg New Energy Finance (BNEF).
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Insbesondere Speicher-kombinierte Solargroßparks sieht Bloomberg NEF dabei als einen Trend an, der sich im arabischen Raum, wo der Krieg weiträumig seit den Angriffen aus Israel und den USA tobt, bereits als marktwirtschaftlich überlegen durchsetzen kann. So könnten solche Systeme in Saudi-Arabien fast ununterbrochen Strom zu gut leistbaren Preisen liefern. In bis zu 65 Prozent der Zeit eines Jahres seien die PV-Speicher-Systeme hier mit einem Lieferpreis von weniger als 45 Dollar pro Megawattstunde (MWh) günstiger als der Strom aus Gas-Dampfturbinen. Sollten die PV-Speicher-Anlagen indes 100 Prozent des Bedarfs abdecken, ließe sich das zu einem Preis von 70 Dollar pro MWh bewerkstelligen.
Der Analyst für die Unternehmens-Energie-Versorgung bei BNEF, Nayel Brihi, zeichnet zudem den schon im vergangenen Jahr großen Hunger der Internet- und Computer-Technologie-Giganten Meta, Amazon, Google und Microsoft auf. Diese hätten bereits die Hälfte der 56 Gigawatt für sich gesichert, für die 2025 neue Grünstrom-Lieferverträge zur Unternehmensdirektversorgung zustande gekommen waren. Allerdings beziehen sich diese so genannten Clean Power Purchase Deals wenn nicht schon aktuell so in absehbarer Zeit auch auf Nuklearkraftwerke, wie Brihi andeutet: „Die Nachfrage seitens der Konzerne bleibt ein wichtiger Treiber für die Entwicklung bei sauberer Energie, speziell für Technologien zur gesicherten Stromerzeugung wie verbesserte Geothermie, Atomkraft oder Solar-Speicher-Projekte.“ In einzelnen Ländern wie speziell Deutschland oder Spanien gehe die Aktivität bei den Stromlieferverträgen allerdings aufgrund Unsicherheit über die Energiepolitik ab.
Die Nachfragezunahme nach grünem Strom durch die im Irankrieg mittels Bombardierungen von Öl- und Gasförder- und Speicheranlagen verknappte und verteuerte Versorgung sowie die vom Iran nicht zuletzt für Rohstofflieferungen gen Europa blockierte Schifffahrt geht allerdings nicht einher mit mehr Hunger nach grünem Wasserstoff. Das begründet BNEF damit, dass Investitionen in den durch Erneuerbaren-Strom-Elektrolyse gewonnenen flexiblen und emissionsfreien Energieträger aktuell einer 10- bis 20-jährigen Wette auf hohe Öl- und Gaspreise gleichkomme. Auch vergangene Ölpreiskrisen hätten schon falsche unerfüllte Erwartungen in eine Wasserstoffenergiewirtschaft genährt. Zwar beginne der Preis für grauen Wasserstoff oder graues Ammoniak als aus Erdgas-Elektrolyse produzierter Energieträger aktuell wohl bald wieder die Preise für aus Grünstrom gewonnenen Wasserstoff (H2) und Ammoniak zu übertreffen. Doch die Vergangenheit habe gezeigt, dass bislang nach oder auch noch während Kriegen sich das Verhältnis bald wieder umkehre und nicht wie für das Investment erforderlich länger anhalte.
Außerdem würden die Staaten der Europäischen Union (EU) mit ihrem bisherigen Verhalten beweisen, dass sie die Versorgung mit grünem Wasserstoff nicht einmal gemäß den eigenen Zielen vorantreibe. So sei eine europaweite Mindestproduktion für 2030 von 2,1 Millionen Tonnen H2 pro Jahr vorgesehen und für 2035 von 2,8 Millionen Tonnen. Doch nur wenige EU-Mitgliedsländer seien hier im Fahrplan. Eine Ironie sei es ohnehin, dass die EU offiziell die Abhängigkeit von Öl- und Gas aus dem kriegsgefährdeten arabischen Raum reduzieren wolle, um dafür künftig grünen Ammoniak aus dem arabischen Raum zu beziehen.
Möglicherweise werde viel eher China den Krieg als Anlass für einen Wechsel in eine grüne H2-Wirtschaft nehmen. Während das Land heute sehr abhängig von Öl- und Gaslieferungen insbesondere aus dem arabisch-iranischen Mittleren Osten ist, habe die chinesische Regierung in diesem Monat Pläne für einen Fonds für einen Übergang hin zu geringen Kohlenstoffemissionen bekannt gegeben, der direkte finanzielle Unterstützung für eine heimische Erzeugung grünen Wasserstoffs und daraus abgeleiteten Treibstoffen wie grünen Ammonika und grünes Methanol bereitstellen soll.