Mit dem geplanten Verkauf von 25,1 Prozent der Anteile an Tennet Germany für rund 3,3 Milliarden Euro setzt die Bundesregierung ein klares Zeichen: Die Kontrolle über kritische Netzinfrastruktur gehört in deutsche Hände. Über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) steigt der Staat direkt bei einem der wichtigsten Übertragungsnetzbetreiber Europas ein – und stärkt damit gezielt die Versorgungssicherheit und Investitionsfähigkeit des deutschen Stromnetzes.
Die Einigung zwischen Tennet Holding und der KfW ist mehr als ein klassischer Beteiligungsdeal. Sie ist eine strategische Antwort auf gleich mehrere Herausforderungen: explodierende Investitionsbedarfe, geopolitische Unsicherheiten und den überfälligen Umbau des Energiesystems. Zusammen mit der bereits angekündigten Eigenkapitalzusage von 9,5 Milliarden Euro durch die institutionellen Investoren APG, GIC und NBIM wächst die Kapitalbasis von Tennet Germany auf ein Niveau, das langfristige Planung erstmals realistisch macht.
Tennet-CEO Manon van Beek bringt es auf den Punkt: Der Einstieg des deutschen Staates schafft Stabilität in einer Zeit wachsender Unsicherheit. Für Deutschland bedeutet das vor allem eines: mehr Einfluss auf den Ausbau und Betrieb der eigenen Stromautobahnen – also genau jener Infrastruktur, ohne die weder Windkraft aus der Nordsee noch industrielle Elektrifizierung funktionieren.
Warum Netzinfrastruktur kein Spielball des Marktes sein darf
Dass der Staat nun Miteigentümer wird, ist kein Zufall. In den vergangenen Jahrzehnten wurde der Netzausbau in Deutschland sträflich vernachlässigt. Genehmigungsverfahren dauerten zu lange, Bedarfe wurden unterschätzt, Zuständigkeiten zersplittert. Das Ergebnis: Engpässe, Redispatch-Kosten in Milliardenhöhe und eine Energiewende, die immer wieder an fehlenden Leitungen scheitert.
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Gerade Übertragungsnetze sind keine beliebige Infrastruktur. Sie sind das Rückgrat der Volkswirtschaft. Wenn sie nicht funktionieren, steht nicht nur das Licht auf dem Spiel, sondern die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Industrieregionen. Der Einstieg der KfW sorgt dafür, dass strategische Entscheidungen nicht allein von Renditeerwartungen, sondern vom öffentlichen Interesse geleitet werden.
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Zugleich bleibt Tennet ein europäischer Akteur. Mit mindestens 28,9 Prozent Beteiligung hält die Tennet Holding weiterhin maßgeblichen Einfluss, die enge Verzahnung mit den Niederlanden – etwa bei der Anbindung von Offshore-Windparks – bleibt erhalten. Nationale Kontrolle und europäische Integration schließen sich hier nicht aus, sie bedingen einander.
Investitionen allein reichen nicht – Deutschland braucht endlich bessere Daten
Doch Geld und Eigentumsfragen lösen nur einen Teil des Problems. Der andere Teil ist unbequemer: Deutschland weiß bis heute nicht genau, wo, wann und in welchem Umfang neue Netze wirklich gebraucht werden. Genau hier setzt der zweite, oft unterschätzte Hebel an – die systematische Erhebung von Marktdaten.
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Der Umbau der Energielandschaft bringt neue Akteure hervor: Wasserstoffproduzenten, Großbatteriespeicher, Rechenzentren, Power-to-Gas- und Power-to-Heat-Anlagen, wasserstofffähige Kraftwerke. Wer Netze planen will, muss diese Bedarfe kennen – nicht grob, sondern konkret. Ohne belastbare Daten bleibt Netzausbau ein Blindflug.
Marktdatenabfrage 2026: Wissen als Voraussetzung für Tempo
Deshalb starten die deutschen Strom-Übertragungsnetzbetreiber, Gas-Fernleitungsnetzbetreiber und Wasserstofftransportnetzbetreiber vom 3. Februar bis 13. März 2026 eine gemeinsame Marktabfrage zu Infrastrukturbedarfen für Strom und Wasserstoff. Sie bildet die Grundlage für die Szenariorahmen der Netzentwicklungspläne 2027 – und damit für alle großen Netzinvestitionen der kommenden Jahre. Marktteilnehmer sind aufgerufen, ihre Bedarfe bis zum 13. März 2026 unter https://infrastrukturbedarf-abfrage-nep.de/ zu melden.
Erfasst werden unter anderem Großverbraucher ab 10 MW, Wasserstofferzeuger und -verbraucher, Speicher, Rechenzentren sowie industrielle Lasterhöhungen. Ein gemeinsames Webinar am 12. Februar 2026 soll offene Fragen klären und die Beteiligung erleichtern. Ziel ist eine integrierte Planung, die Strom- und Wasserstoffnetze von Anfang an zusammendenkt.
Diese Abfrage ist mehr als ein formaler Schritt. Sie ist der Versuch, einen jahrzehntelangen Informationsmangel zu beenden. Nur wer weiß, was der Markt braucht, kann Netze rechtzeitig, zielgerichtet und kosteneffizient ausbauen.