Die Bedrohungslage für die Energieinfrastruktur in Deutschland verändert sich – und mit ihr die Anforderungen an Stadtwerke und Netzbetreiber. Auf der Handelsblatt-Jahrestagung „Stadtwerke 2026" diskutierten Catiana Krapp mit Frederik Giessing (Geschäftsleiter 450-Connect), Sebastian Kirchmann (Geschäftsführer Stadtwerke Schwerte), Rainer Nauerz (Geschäftsführer Stadtwerke Augsburg) und Patrick Theuer (Leiter Resilienz, Continuity & Krisenmanagement, Deutsche Bahn AG) über die Frage, warum Schutz zunehmend zur Führungsaufgabe wird.
Augsburger Realität: Rüstungsindustrie und das Gefühl, allein zu sein
Rainer Nauerz machte deutlich, warum das Thema Sicherheit für die Stadtwerke Augsburg eine besondere Brisanz hat: „Wir haben einen russischen Bevölkerungsanteil von rund sieben Prozent sowie eine Rüstungsindustrie an verschiedenen Standorten.“
Auf der Suche nach Partnern hätten die Stadtwerke ernüchternde Erfahrungen gemacht: „Wir haben am Anfang Gespräche mit der Bundeswehr geführt, um dann zu lernen: Die Bundeswehr ist in diesem Fall nicht da. Die Bundeswehr ist nicht in der Heimat vorhanden." Auch Gespräche mit der Stadt und mit Hilfsorganisationen hätten gezeigt: „Wir müssen es alleine machen."
Daraus habe man Konsequenzen gezogen – auch organisatorisch. So betreibt Augsburg bewusst weiterhin ein Kupferkabelnetz für die Telefonie: „Obwohl es exotisch ist – um in der Krise eine unabhängige Kommunikation in der Stadt machen zu können." Hinzu kämen Investitionen im zweistelligen Millionenbereich allein für Sicherheit. „Wenn ich meinem kommunalen Gesellschafter sage, ich gebe jetzt Geld für Sicherheit aus, das versteht er gar nicht, weil er keine Sensibilität hat."
Schwerte: Wie ein brennendes Umspannwerk zur Lehrstunde wurde
Sebastian Kirchmann berichtete eindrücklich von einem Stromausfall in Schwerte, ausgelöst durch einen Brand in einem Umspannwerk. „Sie können erst dann löschen, wenn alle stärkeren Schaltstationen freigeschaltet sind. Das heißt, Sie müssen jetzt organisieren, dass Sie nicht unter Spannung anfangen." Die Folge: Die Kommunikation lief zunächst per Bote – von Monteur zu Monteur, mit dem Auto. Erst nach rund einer Stunde waren Notfallkommunikation und Satellitentelefone einsatzbereit.
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Der Stromausfall dauerte rund acht Stunden. Schnell hätten sich Anwohner an den Stadtwerken eingefunden, Feuerwehrgeräte seien außer Betrieb gegangen, Krankenwagen hätten sich an Sammelpunkten zusammengefunden. „Wir haben dann alle gemeinsam gelernt, dass im Haushalt, wenn der Strom fehlt, die Kommunikation entsprechend ausfällt."
450-Connect: Ein eigenes Funknetz für die kritische Infrastruktur
Frederik Giessing stellte die Rolle von 450-Connect als Mobilfunknetzbetreiber für kritische Infrastrukturen heraus. Mit 70 Energieversorgern im Gesellschafterkreis – darunter die Stadtwerke Schwerte – sei man mittlerweile bei einer bundesweiten Versorgung von rund 98 Prozent angekommen. „Wir sind Mobilfunknetzbetreiber für im Kern kritische Infrastrukturen, weil andere Infrastrukturen diese Anforderungen nicht erfüllen können – beispielsweise örtliche Verfügbarkeit im Raum oder in Gebäuden, oder zeitliche Verfügbarkeit, gerade im Falle eines Blackouts."
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Deutschland sei mit dem Frequenzbereich 450 MHz weltweit führend. Anfangs habe man das Ökosystem – von Chipsets über Module bis zu Endgeräten und Antennen – mit aufbauen müssen. Mittlerweile seien bereits über 20.000 Chips eines Großkunden über das Netz angebunden. „Wir sind betriebsbereit."
Deutsche Bahn: Verschmelzung von analoger und digitaler Sicherheitswelt
Patrick Theuer ordnete die Bedrohungslage grundsätzlich ein: „Wirklich neue Bedrohungen gibt es gar nicht. Die sind schon immer da." Neu sei aber die Intensität lokaler Betroffenheiten – etwa durch gestörte Lieferketten – sowie die Verschmelzung digitaler und physischer Sicherheitswelten. „Früher hatten wir unsere analoge Sicherheitswelt, wir haben Zäune gezogen, wir haben irgendeine Firewall installiert. Heute muss man das gemeinsam denken."
Bei der Bahn arbeite man konzernweit daran, persönliche Sicherheit, physischen Schutz, Betriebskontinuität, Krisenmanagement und digitale Sicherheit zu verzahnen. Das Kritis-Dachgesetz zwinge erstmals, auch physische Resilienzmaßnahmen umzusetzen.
Nis2 als Beschleuniger – aber nicht als Allheilmittel
Giessing wies auf Nis2 als wesentlichen Treiber hin. Die Nis2-Richtlinie (Network and Information Security) ist eine EU-weite Verordnung zur Stärkung der Cybersicherheit, die im Dezember 2025 in deutsches Recht umgesetzt wurde: „Nis2 nimmt die Geschäftsführer und Vorstände in die Haftung." Auch die geforderte Notfallkommunikation – inklusive Vorsorge bei Ausfall von Vor- und Nachlieferanten – werde damit zur Pflicht.
Kirchmann relativierte: Die Geschäftsführerhaftung habe es schon vorher gegeben. Entscheidend sei vielmehr, Resilienz als „Betriebssystem" zu verstehen, fest verankert in der Governance-Struktur. Digitalität sei dabei nicht nur Mittel zur Kostensenkung, sondern Voraussetzung, „um diese Komplexität in immer kürzeren Zeitabläufen überhaupt bewältigen zu können".
Die Kostenfrage bleibt offen
Einig waren sich die Diskutanten: Sicherheit hat einen neuen Wert bekommen – und sie kostet. Kirchmann berichtete von einem jüngsten Austausch mit Vertretern der Bundesnetzagentur, bei dem klar geworden sei: „Ein Mehr an Sicherheit ist gewollt. Dass das kostet, ist auch klar. Aber es sollte effizient erfolgen."
Nauerz erinnerte daran, dass Stadtwerke sich nicht nur um Strom- und Gasnetze kümmern müssten, sondern auch um Wasserversorgung und ÖPNV. Der Blumenstrauß an Sicherheitsanforderungen sei breit – und die Frage, wie all das finanziert werden soll, in vielen Bereichen noch ungelöst.