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Kommunen

Bürger stabilisieren Rückenwind für Magdeburg

Bürgerwindkraft wird die Stadt Magdeburg ihrem Ziel von 95 Prozent weniger CO2-Ausstoß näherbringen – und für Sachsen-Anhalt zur Premiere.

Die Agentur für Erneuerbare Energien (AEE) hat die Stadt Magdeburg in ihrer monatlichen Auszeichnungsreihe zur Energiekommune im Mai 2021 erklärt. Mit Verweis nicht zuletzt auf die noch in diesem Jahr bevorstehende Inbetriebnahme des ersten genossenschaftlichen Windparks in Sachsen-Anhalt sieht AEE die sachsen-anhaltinische Landeshauptstadt auf gutem Weg, ihre Ziele als offizielle Masterplankommune zu erreichen. Kommunen, die wie Magdeburg dem Förderprogramm „Masterplan 100 & Klimaschutz“ angehören, wollen bis 2050 den CO2-Ausstoß der Stadt um 95 Prozent im Vergleich zu 1990 reduzieren und den Endenergieverbrauch bis dahin halbieren. 2016 war Magdeburg dem Masterplanprogramm als eine von heute 41 Kommunen beigetreten. „Die energetische Transformation in der mitteldeutschen Landeshauptstadt schreitet mittlerweile dynamisch voran“, erklärt die AEE, warum sie Magdeburg als Mai-Klimakommune würdigt.

Auf der Habenseite der Masterplankommune Magdeburg steht gemäß der von AEE aufgemachten Bilanz die Minderung des Endenergieverbrauchs von 1990 bis 2014 wohl durch Modernisierung des aus der DDR übernommenen Immobilienbestands kommunaler Gebäude sowie der Privathaushalte um 53 und sogar 64 Prozent. Zusätzlich zum schon bestehenden Biomasseheizkraftwerk Rothensee mit 11,8 Megawatt (MW) Wärme- und 1,8 MW elektrische Leistung kam Ende 2016 bereits ein weiteres ähnlich großes Biomasseheizkraftwerk hinzu, das Holzhackschnitzel verwertet. Schulen und Kindergärten der Stadt müssen die durch die bundesweite Energiesparverordnung gesetzten Mindestanforderungen an die Energieeffizienz um mindestens 25 Prozent noch unterschreiten. Neue Photovoltaik-Anlagen decken bereits 10 Prozent des Strombedarfs der kommunalen Gebäude.
 

Wichtiger Pfeiler in Magdeburg für die Energiewende ist gemäß der AEE-Information auch die Einbindung von Bürgern und örtlichen Unternehmen in die kommunale Energiewende. Wichtig ist hier die Energiegenossenschaft Helionat, die noch in diesem Jahr ihren ersten Windpark in Betrieb nehmen will. Bereits Ende Oktober 2016 hatte die Bürger-Energiegenossenschaft knapp ein MW Nennleistung Photovoltaik (PV) durch eine 992 Kilowatt-Peak (kWp) leistende PV-Freiflächenanlage im Magdeburger Hafen ans Netz gebracht. Das komplette Eigenkapital von 270.000 Euro hatte Helionat in Form von Bürger-Einlagen selbst eingesammelt. Die Jahreserzeugung von einer Gigawattstunde genügt zur Versorgung von 620 Haushalten. Die Bürgergenossenschafts-PV-Anlage erhöhte somit die Kapazität der PV-Freiflächenerzeugung in der Landeshauptstadt deutlich, die bereits seit 2012 eine 8,5-MWp-Anlage auf einer Müllhalde betreibt. Weitere örtliche Akteure in der sachsen-anhaltinischen Metropole sehen nun unter Einbeziehung des seit zehn Jahren in der Stadt ansässigen Biopelletwerks eine lokale Wasserstoffproduktion aus PV-Strom aus einer zusätzlichen Freiflächenanlage für 750 kWp vor. Für das Projekt bereitet die Stadt bereits die Aufstellung eines Bebauungsplanes vor. Mit der Beschränkung auf eine Kapazität von 750 kWp ermöglicht die Projektierung der neuen PV-Anlage eine Einspeisung als Strom mit gesicherter erhöhter Vergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) bei dennoch anteiliger Nutzung des Stroms im Eigenverbrauch. Das zu Jahresanfang in Kraft getretene neu reformierte EEG 2021 ermöglicht die EEG-Vergütung von Industrie-PV-Anlagen bis zu einer Obergrenze von 750 kWp kombiniert mit Eigenverbrauch, ohne dass die Projektierer dafür an einer Ausschreibung teilnehmen müssen. 

Bürgergenossen von Helionat planen derweil bereits ihr erstes Mieterstromprojekt mit integriertem Stromspeicher plus Wärmepumpe. Und noch bis Ende des Jahres will die Genossenschaft ihre erste Windstromerzeugung starten – im „ersten genossenschaftlichen Windpark in Sachsen-Anhalt“, wie AEE mitteilt. Ob nun erster genossenschaftlicher Windpark des Bundeslandes oder nur erstes genossenschaftliches Einzel-Windrad – auf das die Genossenschaft bisher selbst einzig hingewiesen hat: Tatsächlich ist Bürgerenergie und insbesondere Bürgerwindkraft in Ostdeutschland weniger verbreitet. Anders als in traditionellen westdeutschen Windenergieregionen fehlte in Ostdeutschland das Kapital der mit im Vergleich zu Westdeutschland mit niedrigeren Löhnen ausgestatteten Landbewohner. Seltener sind auch die aufgrund ihres Landbesitzes ausreichend für Windenergie-Investitionen ausgestatteten Landwirte wie in Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen, die sich nach 20 Jahren Betrieb eigener Anlagen auf eigenem Land zu Repowering-Gesellschaften für den Austausch der eigenen alten gegen eine viel leistungsfähigere gemeinsam beschaffte neue Turbine zusammenschließen können.

Richtig ist allerdings auch, dass bereits Anfang 2017 Windparkprojektierer Prokon den 48-MW-Windpark Gagel in Sachsen-Anhalt in Betrieb nahm – und dieses Unternehmen seit einer Insolvenz als Genossenschaft aus 39.000 Mitgliedern organisiert ist. Hier sind viele ehemalige Anleger aus dem ganzen Bundesgebiet nach der Insolvenzanmeldung im Juli 2015 zu Genossen geworden, um ihr Kapital zu retten und die Windenergie weiter auszubauen.

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