Zieht die Bundesregierung klimapolitisch tatsächlich an einem Strang? Während das neue Klimaschutzprogramm eine zusätzliche Ausschreibung von zwölf Gigawatt Windenergie vorsieht, könnte das Netzpaket von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche den Ausbau der Erneuerbaren massiv bremsen. Gefährdet wären laut einer aktuellen Studie von Enervis im Auftrag von Green Planet Energy Projekte mit einer Leistung von rund 32 Gigawatt, die bereits genehmigt sind, sich im Verfahren befinden oder kurzfristig gebaut werden könnten. Insgesamt stünden damit rund 45 Milliarden Euro unmittelbar bevorstehenden Investitionen auf dem Spiel.
Studie wertet Daten von zehn Netzbetreibern aus
Das Netzpaket, von dem bislang kein offizieller Vorschlag, sondern nur ein Referentenentwurf in die Öffentlichkeit gelangte, sieht die Einrichtung sogenannter kapazitätslimitierter Netzgebiete vor. Diese Regelung würde greifen, wenn im Vorjahr mehr als drei Prozent der theoretischen Einspeisung aufgrund von Netzengpässen abgeregelt wurden. Ein Netzanschlussanspruch für EE-Anlagen soll dann nur bestehen, wenn Betreiber auf den finanziellen Ausgleich für Redispatch verzichten.
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Die Studie hat nun vorliegende Daten von zehn Netzbetreibern zum Redispatch 2025 ausgewertet, die rund zwei Drittel des Landes abdecken. Demnach würden 90 Landkreise als kapazitätslimitierte Netzgebiete gelten. Besonders betroffen wären Landkreise in Ostfriesland (Anlandung von Offshore-Windstrom), Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Bayern. Weil das Ministerium nicht zwischen den Technologien unterscheidet, wären in Regionen mit starkem PV-Ausbau neue Windprojekte betroffen – und umgekehrt, beispielsweise in Bayern.
Wirtschaftliche Risiken für neue Projekte
Studienautor Tim Höfer, Energiemarktexperte bei Enervis, warnte vor finanziellen Risiken und deren Folgen: „Der geplante Redispatchvorbehalt verschlechtert die Investitionsbedingungen für viele weit entwickelte Wind- und Solarprojekte.“ Dafür gebe es zwei Gründe: Zum einen sei für Projektentwickler nicht vorhersehbar, ob eine Region im Projektzeitraum als kapazitätslimitiertes Netzgebiet ausgewiesen werde. Zudem reduziere der fehlende finanzielle Ausgleich für Redispatch-Abregelungen die Wirtschaftlichkeit. „Die höheren Erlösrisiken werden in Gebote eingepreist, und ein geringerer Wettbewerb ermöglicht strategischere Gebote. Beides kann dazu führen, dass die Förderkosten steigen“, so Höfer.
Carolin Dähling, Bereichsleiterin Politik und Kommunikation bei Green Planet Energy, warnte davor, dass diese Regelungen vor allem die Realisierung von Projekten kleinerer Akteure gefährdeten: „Die Banken werden Projekte mit so hohen Risiken kaum finanzieren.“ Genossenschaften, kleinere Projektentwickler oder Bürgerenergiegesellschaften seien aber auf Bankenfinanzierungen angewiesen.
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Zahl der betroffenen Kreise kann weiter steigen
Die Auswirkungen auf die Ausbauziele wären dann massiv: Für Windenergie an Land zeigt die Studie, dass rund 23 Gigawatt an bereits genehmigten oder im Verfahren befindlichen Anlagen gefährdet seien. Das entspreche etwa 30 Prozent der anstehenden Projekte und rund 40 Milliarden Euro an Investitionen, heißt es weiter. Auch bei der Photovoltaik wären die Folgen erheblich: Etwa 9,2 Gigawatt kurzfristig realisierbarer Freiflächen-Projekte – rund 28 Prozent dieses Segments – könnten wegfallen. Das Investitionsvolumen liegt bei etwa 4,9 Milliarden Euro. Diese Größenordnung entspricht ungefähr dem gesamten Jahreszubau an PV-Freiflächenanlagen.
Außerdem kann die Zahl der betroffenen Regionen jedes Jahr weiter steigen. 2025 war ein windschwaches Jahr – in windstärkeren Jahren müssen deutlich mehr Anlagen abgeregelt werden. Und selbst wenn eine Region später weniger betroffen ist, bleibt der Status als ‚kapazitätslimitiert‘ noch bis zu drei Jahre bestehen.
Forderung: Ursache der Netzengpässe angehen, statt Erneuerbare ausbremsen
Green Planet Energy fordert daher, das Netzpaket grundlegend zu überarbeiten. Statt Risiken auf Projektierer abzuwälzen, brauche es klare, faire und investitionsfreundliche Rahmenbedingungen, die den Ausbau beschleunigen. Entscheidend sei zudem, die Ursachen für Engpässe anzugehen: Netze und Stromnutzung müssen modernisiert werden – durch zügigen Netzausbau, Digitalisierung und Flexibilitätsoptionen.
Netzpaket und Redispatch-Debatte: Was jetzt schnell helfen würde
„Den Erneuerbaren die Schuld für Netzprobleme zu geben, ist, als würde man dem Wasser marode Leitungen anlasten“, sagte Dähling. Nicht Wind und Sonne seien das Problem, sondern Netze, die seit Jahren nicht modernisiert wurden. „Die Bundesregierung muss jetzt dafür sorgen, dass die Netzbetreiber ihre Arbeit erledigen und die Netze fit machen für mehr Erneuerbare.“